Unruhige Zeiten, viele Jüngere fallen aus dem Leben. Im Moment halte ich viele Reden für Menschen um die 50. So alt bin ich selbst. Rückt der Tod da näher? Nein, nicht wirklich. Ich rechne sowieso jede Minute mit dem Tod. Klingt komisch. Aber ich sage mir tatsächlich sehr oft am Tag: „Annette, Du hast nur diesen einen Augenblick.“ Das holt mich gut runter. Bewahrt mich davor, hohen Ansprüchen aufzusitzen. Hilft mir über manch Öde und Leere hinweg. Öffnet die Augen für das Schöne und auch Hässliche. Lässt mich einatmen und ausatmen. Mehr nicht. Nicht mehr sein wollen, nicht weniger sein wollen. Einfach nur die sein, die ich gerade bin und im nächsten Moment nicht mehr sein werde. Die Falten im Gesicht nehmen zu. Ist okay. Die Sehnen reißen immer mal wieder und es dauert lange, bis die Glieder einigermaßen wie früher agieren. Zumal die Empfindlichkeit bleibt, ab und zu auch Beschwerden. Macht nichts. Das ist Älterwerden.

Meine Eltern gehen mir da mit leuchtendem Vorbild voran. Mein Vater sagte bereits beim Umzug meiner Schwester in ihr damals neues Haus – und das ist nun vielleicht 15 Jahre her, da war er 70: „Das ist mein letzter Umzug.“ Er bemerkte seine Grenzen und akzeptierte sie. Mittlerweile ist er nahezu erblindet, das anzunehmen fiel schon schwerer. Aber selbst das trägt er mit Humor. Als er noch einmal seiner Pflicht als Gastgeber nachkommen wollte und den Rotwein einschenkte, meinte er locker flockig: „Entweder gieße ich ihn daneben oder ich kippe das Glas um.“ So möchte ich alt werden.

Meine Mutter macht es nicht anders. Sie hat so einige Beschwerden. Der Rücken wird immer runder und das trotz täglicher Übungen. Auch die Puste bleibt immer schneller weg. Um die Talsperre kann sie nur noch mit Stöcken gehen. Egal. Was geht, geht. Und was nicht geht: „Dann lege ich mich eben hin.“ sagt sie. Dann muss der Fußboden warten. Auch der Garten hat seine liebe Ruhe. So ist das eben. Kein Drama!

Dankbar sein für jeden Moment. Genießen, was zu genießen geht. Auch erleiden, was zu erleiden ist. Und sich doch etwas vornehmen und sei es noch so klein – das Glas Marmelade aus dem Keller holen und dann auf das Brötchen streichen, ist doch was. Wir brauchen keine großen Projekte, um glücklich zu sein. Ein- und Ausatmen reichen. Offen bleiben, sich berühren lassen; aber eben auch gehen lassen, was nicht zu halten ist. Und dann ist das Leben irgendwann vorbei.

Die Lyrikerin Mascha Kaléko hat ein schönes Gedicht geschrieben. Es trägt den Titel

Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
– Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freue mich, dass ich … Dass ich mich freu.