Sterben bedeutet Beiseitetreten, Platzmachen, Loslassen. Dass das schon im Leben keine einfache Übung ist, sehen wir aktuell als Zaungäste mit Blick über den Ozean. Denn dort und überhaupt im Leben wird das Platzmachen häufig zu einer Frage von Macht und Gerechtigkeit: Wer muss wem unter welchen Umständen wie Platz machen?

Im Straßenverkehr und in der Arbeitswelt ist das mit einem umfangreichen Regelwerk beantwortet und bleibt im Einzelfall doch so schwer zu klären, dass die Gerichte beschäftigt sind.

Im täglichen Umgang muss die Frage – wer macht wem Platz – oft sekundenschnell beantwortet werden: gesellschaftliche Werte und Erziehung spielen da eine erhebliche Rolle. Ob Menschen als Kinder dazu angehalten wurden, für Ältere und Schwächere etwa Platz zu machen oder eben nicht.

Dazu kommt das eigene Empfinden, das nicht unabhängig von gesellschaftlichen Machtverhältnissen ist – ob mensch sich in der Mitte der Gesellschaft oder gar über sie erhoben empfindet und daher sehr selbstverständlich und oft ungefragt Plätze einnimmt und besetzt.

Oder ob mensch sich als gesellschaftlich randständig erlebt: manche weichen in solchen Situationen eher aus; andere kämpfen um einen mittigeren Platz in einer dann veränderten Gesellschaft. Wieder andere, die sich zwar in vielerlei Hinsicht am gesellschaftlichen Rand bewegen, nichtsdestotrotz aber in spezifischen Situationen über numerische und/oder physische Stärke verfügen, nutzen diese, um sich wenigstens in alltäglichen Situationen als machtvoll zu erleben. Klingeln und Hupen sind dann vergebliche Liebesmüh, kein Zentimeter wird ausgewichen. Das ist mein Platz, sagen die Körper für diesen Moment.

Wieder andere treten – unabhängig davon, wie es um ihre gesellschaftliche Macht bestellt ist – aus Höflichkeit oder auch Respekt zur Seite. Sie sind sich ihrer selbst sicher und dadurch frei, auch anderen das gleiche Recht auf Platz zuzugestehen.

Oder sie treten aus der Einsicht zur Seite, dass entweder zu viele einen Platz bevölkern oder dass ein anderer oder eine andere ebenfalls ein Recht auf Platz hat, was manchmal eben auch bedeutet, ein Recht auf den von einem/r selbst bislang eingenommenen Platz.

Dann aber in Bewegung zu kommen, zur Seite zu treten, Platz zu machen, kann von sehr unterschiedlichen Gefühlen begleitet sein:

– Enttäuscht oder sogar gekränkt, weil ich den Platz eigentlich gar nicht hergeben möchte.
– Gleichgültig – die Veränderung ist nötig, die eigene Identifikation mit dem Platz sowieso gering.
– Oder sogar froh, diesen Platz verlassen zu dürfen, weil mensch lange genug dort gewesen ist oder er immer schon unangenehm war.

Je nach dem – fällt es leichter oder schwerer Platz zu machen und zur Seite zu treten.

Was im Sterben ähnlich sein mag. Je nach dem, wie sehr wir an unserem Platz in dieser Welt hängen, wird es leichter oder schwerer sein zu gehen.

Auch spielt eine Rolle, wem wir Platz machen: ob das Menschen unseres Vertrauens sind oder Menschen, denen wir weniger zutrauen. Selbst im Sterben ist unser Verhältnis und unsere Einstellung zu den nachkommenden Generationen nicht unwichtig.

Zum einen persönlich: Ist die Sorge um diejenigen, die wir als Sterbende zurücklassen, groß, mag das Sterben schwerer fallen. Tragen wir aber genügend Vertrauen in uns, dass diese ihre Leben schon meistern werden, wird es leichter sein zu sterben.

Zum anderen spielen manchmal auch größere Zusammenhänge eine Rolle. Die Klimakrise und auch weitere politische wie wirtschaftliche Entwicklungen, die oftmals von Kriegen begleitet sind, vermitteln derzeit nicht gerade das Gefühl, die Erde in einem guten Zustand an die jüngeren Generationen zu übergeben. Auch das macht manchen das Sterben schwer.

Zugleich sterben anderorts viele Menschen früh. Sie müssen ihren Platz auf dieser Erde oft schon in jungen Jahren räumen und das vor allem, weil sie unter ungesunden Lebensbedingungen oder in Kriegsgebieten leben und damit in lebensfeindlichen Situationen, die sie oft nur sehr begrenzt mitverschuldet haben. Von Gerechtigkeit kann da keine Rede sein.

Trotzdem hängen viele Menschen, gerade in wohlhabenderen Gesellschaften, an einer Idee von Gerechtigkeit, wenn schon nicht im Leben, dann doch im Sterben. Empfinden es als ungerecht, wenn jemand Sympathisches, wohlmöglich im jungen Alter aus ihrer Mitte stirbt. Beklagen Immer sterben die Besten. Als ob Leben und das Erreichen eines hohen Alters eine Belohnung für gute Führung wäre oder der wir ein Recht darauf hätten. So aber ist es nicht. Das wissen wir.

Wir können sicherlich viel dafür tun, Lebensbedingungen lebensförderlich zu gestalten. Und die globalen Krisen machen immer mehr deutlich, wie sehr wir diesbezüglich aufeinander angewiesen sind. So verursachen verschmutzte Luft, gesundheitsschädliche Baumittel und vermutlich auch Mikroplastikpartikel neben vielem anderen bei allen Menschen rund um den Globus Erkrankungen. Auch das Corona-Virus lässt uns erfahren, wie sehr wir auf gegenseitige Solidarität angewiesen sind, wenn es darum geht, Menschen nicht an ihm sterben zu lassen.

Und dennoch werden Menschen in unterschiedlichsten Lebensaltern eben immer auch sterben. Sterben ist die größte Prüfung in Sachen Loslassen. Jegliche Macht stößt hier an ihre Grenzen. Denn dem Tod stehen wir alle ohnmächtig gegenüber. Warum es wen wann trifft, wird daher immer ein Stück weit Geheimnis bleiben.