Ein Kind steht am Grab seines Vaters. Seine Mutter hat mit der Kondolenz alle Ohren voll zu tun. Auch zu ihm beugt sich der oder die andere hinunter. Manchmal steht es aber auch alleine dort – sehr tapfer. Einmal überkommt ihn der Schmerz, die Gesichtszüge verändern sich, Tränen laufen über die Wangen.

Bald ist zum Glück der Onkel da, hockt sich neben das Kind, legt den Arm um es, mehr nicht. Eigentlich reicht das. Es dauert nicht lange, dass sich eine weitere Person auf die andere Seite des Kindes hockt, seine Hand nimmt und hält. Es lässt es geschehen. Worte fallen, ich höre Lautfetzen: „Es gibt den Tod gar nicht.“ „Du musst nicht traurig sein.“ Das Kind reagiert nicht. Der Onkel sagt leise ein paar Worte. Die Person spricht weiter, verstummt, spricht weiter. Keine Reaktion beim Kind.

Ich aber bin empört. „So ein Quatsch, natürlich gibt es den Tod, natürlich darf ein Kind traurig sein, wenn der Vater stirbt.“ Und sicherlich, natürlich bleibt auch viel. Das weiß das Kind. Es ist alt genug, um die Liebe des Vaters zu erinnern und trägt einen bunten Schatz voller Erlebnisse in sich, viele davon wunderschön. Natürlich gibt es das.

Aber eben nur im Doppelpack mit dem Tod. Und selbst wenn dieser bedeuten sollte, dass die Seele, das Bewusstsein oder was auch immer in eine andere Form übergegangen ist, so bleibt der Körper, durch den all das für das Kind erfahrbar wurde, tot, liegt im Sarg in der Erde, ist im Begriff zu verwesen, sich aufzulösen. Das tut weh und ist bitter – und will ausgehalten werden! Das aber scheint für Groß und Klein gleichermaßen schwierig zu sein.

Mir hilft da immer wieder ein Zitat von Stefan Zweig, das er sogar seinem Roman „Ungeduld des Herzens“ vorangestellt hat:

„Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“