Was bedeutet das? Den meisten Menschen, die hierzulande geboren wurden, ist das nicht klar. Wir werden in der Regel wenig mit Katastrophen, Toden und überall sichbarem Vergehen konfrontiert. Viele kennen zwar Menschen, die schon mal Krebs oder eine andere lebensbedrohende Krankheit hatten oder sogenannte „Schicksalsschläge“ erlitten, aber Rückschlüsse auf das eigene Leben ziehen die meisten kaum. Wir agieren in dem Modus, dass die Medizin, der Staat, die Gesellschaft es in der Regel schon richten werden oder es zumindest sollten und wenn das nicht gelingt, ist es ein Kollateralschaden. Traurig, sehr traurig, aber das eigene Leben verändernd? Kommt vor, bleibt aber eher selten.

Das ist schon seltsam. Denn solange wir geboren werden, werden wir auch wieder sterben. Solange wir einen Körper haben, wird dieser von Krankheiten betroffen sein und auch altern. Selbst all die Dinge im Umfeld verändern sich ständig, auch wenn uns das nicht so vorkommt, Abnutzung erfolgt überall und Konstellationen bleiben in Bewegung. Wieso tun wir also so, als lebten wir ewig? Als ließe sich alles reparieren, austauschen, obwohl Menschen im Alter schon erleben, dass die Möglichkeiten begrenzt sind und spätestens im Sterben ein anderer Umgang vonnöten ist.

Dann aber wird umgeswitcht von kurativ auf palliativ, von ewig auf endlich, ein krasser Wechsel, der allerdings viele schöne Dinge mit sich bringt: Unter dem Vorzeichen zeitlicher Begrenzung (durch den prognostizierten baldigen Tod) dürfen nun abhängig machende, aber Schmerzen stillende Mittel in rauen Mengen verabreicht werden. Auch öffnen Einrichtungen wie Hospize  ihre Türen, wo mit einem weitaus großzügigeren Personalschlüssel als in Krankenhäusern unter besten Bedingungen – mit eigener Küche, in geräumigen Einzelzimmern, patient*innenzentriert – betreut wird, der Himmel auf Erden. Da bekommt so manch eine wieder Lust zu leben und verschiebt ihr Sterben erst einmal. Unter dem Vorzeichen der Endlichkeit zu leben, scheint also gar nicht so schlecht zu sein.

Nun geht das so natürlich nicht, wenn eine längere Lebenszeit vermutet wird. Mit Morphin und anderen Substanzen muss da wegen ihrer Nebenwirkungen schon vorsichtiger medikamentisiert werden. Für ein gutes Leben allerdings könnten wir uns schon einsetzen: nahrhaftes, leckeres Essen, genügend ausgebildete Menschen, die uns im Zweifelsfall unterstützen und eine Haltung, die jede und jeden als eigenständige Person mit ihren Vorlieben, Abneigungen und ihrer Geschichte ernst nimmt. Das ist das eine.

Das andere bleibt die eigene innere Haltung: wer vor dem Tod und den Widrigkeiten im Leben wegläuft, sie nicht als Teil irdischer Existenz anzunehmen bereit ist, für den oder die wird das Leben zur Hölle. Denn dann sind wir damit beschäftigt, einem mehr oder weniger spezifisch ausgearbeiteten, auf alle Fälle aber als perfekt und der Ewigkeit würdig deklarierten Zustand hinterherzulaufen, ihn sogar als ihr Recht zu verstehen, das es einzuklagen gilt, was unseren Aufenthalt in der Hölle nur verlängert.

Denn die Hölle entsteht nicht durch Krankheit, Altern, Veränderungen, Sterben und Tod an sich, sondern dadurch, dass wir uns ihnen verweigern, sie wegmachen, aus dem eigenen Leben raushalten wollen. Anstatt sie gelassen als unangenehmene Teile unserer Existenz annehmen zu lernen und einen Umgang mit ihnen zu suchen, der uns den Blick für das große Geschenk des Lebens an sich nicht verstellt. Ein Umgang, der es erlaubt, uns an allem Schönen auf dieser Erde auch weiterhin zu freuen, der uns danbkar für alle erfahrene Liebe und Zuwendung werden lässt und der uns befähigt, Schmerzhaftes zu ertragen und auszuhalten, anstatt es zum Feind Nr.1 zu deklarieren und selbst Liebe zu schenken.

Einen solchen Umgang zu suchen und einzuüben, ist bestimmt nicht einfach. Aber mal ehrlich: haben wir eine Wahl?

Und irgendwie macht es Mut, dass Menschen, die palliativ versorgt werden und es schaffen ihre Endlichkeit anzunehmen, oft viel weicher und zugänglicher werden und auf die letzten Meter noch eimal tiefe Freude am Leben erfahren – weil sie es eben nicht mehr festhalten, ihm nicht mehr gemäß der eigenen Vorstellung nachjagen, sondern es einfach sein lassen können.